Geschichte der Sulzbürger
Juden
Die folgende Schrift wurde
von Kurt Wappler für das Landl-Museum
verfasst und unter dem Titel “Geschichte der Sulzbürger
Juden” in Heftform herausgegeben. Wir danken dem Museum für
die Erlaubnis zum Abdruck und dem Franz Holzer für die
profesionelle Umsetzung in die digitale Form. Die z.T. schlechte
Bildqualität ist durch die Vorlage bedingt. Klaus
Weichselbaum, 07.12.2006
24.09.2003:
Text leicht überarbeitet: eine sachliche Korrektur durch
Friedhlem Kurz, einige Anpassungen an die neue Rechtschreibung durch
Klaus Weichselbaum. (Klaus Weichselbaum)
07.12.2006:
kleinere Änderungen an der Rechtschreibung (dass, daß).
Änderungen am Layout, damit der Text bei unterschiedlicher
Seitenbreite nicht aus der Form gerät. Umsetzung ins PDF-Format.
(Klaus Weichselbaum)
Inhaltsverzeichnis
Die ersten Juden in
Sulzbürg
Dass in Sulzbürg einst
eine starke Judengemeinde lebte, ist weithin bekannt. In der Mitte
des vorigen Jahrhunderts machte sie ca. ein Drittel der
Gesamtbevölkerung dieses Marktfleckens aus. Was bisher nicht
genau nachgewiesen werden kann, ist ihr erstes Auftreten im Landl.
Durch Lesefehler oder falsche Übersetzung der entsprechenden
Stelle in der ,,Historia Genealogica Dominorum et Comitum de
Wolfstein, Frankfurt 1726, von David Koeler" und anderen
Unterlagen, schlichen sich schon frühzeitig Fehler in die
Sulzbürger Judengeschichte ein. Sie wurden durch ständiges
Übernehmen bis auf den heutigen Tag erhalten. Die Behauptung,
dass 12 Judenfamilien 1371 auf der Flucht vor Pogromen in Neumarkt
über den sogenannten Judensteig nach Sulzbürg gekommen
seien, ist jedoch längst als Irrtum erkannt. Diese Behauptung
lässt sich schon deswegen nicht aufrecht erhalten, weil 1371 in
Neumarkt keine Judenpogrome stattfanden. Derartige
Ausschreitungen sind in den Jahren 1298, 1337 und 1349 in Deutschland
bezeugt. Hier die oben aus dem Koeler'schen Buch angesprochene
Stelle im Originaltext: Cum etiam jam ab An. 1371, ut ex charta
obligatoria constat, Judacorum paucae & exiles familiae in
ditione Sulzburgensi vixerint, procul dubio olim in magna illa
Judaeorum strage in Bojoaria edita extorres (12) & speciali
Imperatoris indultu a Wolfsteiniis receptae (13), horum etiam
precibus iteratis dedit Christianus Albertus, Comes de Wolf stein,
consultis prius aliquot Theologorum & Jure consultorum collegiis
Academicis (14), ut sacris suis operentur in majori conclavi
aedificii novi pro suo ludimagistro, sive praecentore, excitati. Die
richtige Übersetzung dieser Zeilen (unter Berücksichtigung
und Einbeziehung der Fußnoten 12 bis 14) sandte uns der Leiter
des Diözesanarchivs Eichstätt Brun Appel. Sie
lautet: Nachdem auch schon seit dem Jahr 1371, wie aus einer
Schuldverschreibungs-Urkunde bekannt ist, wenige und ärmliche
Judenfamilien im Sulzbürger Gebiet gelebt haben, die ohne
Zweifel einst bei jener großen Verfolgung der Juden in Bayern
heimatlos geworden (12) und mit besonderer Bewilligung des Kaisers
von den Wolfsteinern aufgenommen worden sind (13), hat diesen auf
wiederholte Bitten Christian Albrecht Graf von Wolfstein gewährt,
nachdem zuvor einige akademische Kollegien von Theologen und
Rechtsgelehrten befragt worden waren (14), daß sie ihrem
Gottesdienst obliegen dürfen in einem größeren Zimmer
des neuen Gebäudes, das für ihren Schulmeister oder
Vorsänger errichtet worden war.
Die in der
Übersetzung vermerkten Fußnoten 12 bis 14 besagen: Anm.
12 Die Juden-Verfolgung von 1298 ist die sog.
Rindfleisch-Verfolgung, die ganz Franken und Bayern nördlich der
Donau erfasst hat. Anm. 13 bringt nur allgemeine Belege für
den kaiserlichen Judenschutz. Anm. 14 Der Inhalt des Falls
ist mit diesen Worten vorgelegt worden den Kollegien der Theologen
und Rechtsgelehrten, um deren Meinungen zu erfahren: Im Gebiet des
Theodosius (um die Gelehrten nicht zu beeinflussen, wird statt Graf
von Wolfstein ein beliebiger lateinischer Name genannt), der unter
den vornehmsten des Reichs seinen Platz hat, leben seit langer Zeit
12 Familien von ungelehrten Juden, die 6 Häuser bewohnen und das
Geschäft des Viehhandels ausüben. Diese kommen zu ihrem
Herrn, bitten, darauf flehen sie, um die Erlaubnis eine Wohnung zu
erbauen, bestimmt für ihren Schulmeister, der ganz jung und in
der Rabbinischen Literatur erfahren ist, und in dieser ein Zimmer
auszuschmücken, das mehr zu ihrem Gottesdienst geeignet ist als
jener sehr enge Raum, im 2. Geschoss eines benachbarten jüdischen
Hauses, der ihnen zuvor zur Ausübung ihrer Religion gestattet
worden ist. Ihnen diese Erlaubnis zu gewähren, haben
befürwortet die Fakultät der Theologen der Universität
von Rostock in einer Antwort, gegeben am 6. Oktober des Jahrs 1706,
und von Halle am 27. August des Jahres 1707, denen zugestimmt hat die
Juristische Fakultät der Universitäten Gießen vom 8.
April des Jahrs 1707. Dasselbe aber haben verneint die Theologen von
Wittenberg am 5. November des Jahres 1706 und Johann Konrad
Feuerlein, Vorsteher der Kirche (und des Gymnasiums) von St. Egidien
in Nürnberg am 11. Februar des Jahrs 1705, wie ihre erbetenen
Gutachten zeigen.
Brun Appel schreibt hierzu
weiter: Zu 1371: Die Regesta Boica IX, 262 faßt unter dem
15. Juni 1371 in München liegende Urkunden folgendermaßen
kurz zusammen: Hylpolt von Stain gelobt den vesten Ritter Stephan
von Wolfstain, der mit ihm hintz Salmon Ingolstetter und Hassmann den
Juden von Newnmarkt um 800 Gulden Selbstschol geworden, die mit dem
Fürslag auf die nächsten Oberisten (= Dreikönigstag)
1000 Gulden werden, der Bürgschaft zu ledigen. Gegeben am St.
Veits tag. - Möglicherweise hat Max von Freyberg beim
Regestenmachen in der Urkunde einiges übersehen, oder Koeler,
dem der Wortlaut wohl vorgelegen hat, hat einiges hinein
interpretiert. Im Regest ist jedenfalls nur von Juden in Neumarkt die
Rede. - Koeler will nur sagen, dass es 1371 bereits Juden in
Sulzbürg gibt - als Beleg hat er die Schuldverschreibung
- und meint, sie hätten sich bereits im Zusammenhang mit der
Verfolgung von 1298 hier angesiedelt; er projiziert die später
selbständige Herrschaft Sulzbürg ins späte 13. Jh. und
kann somit von Bayern (nicht Böhmen!!) als Ausland sprechen.
Die 12 Familien existieren um 1700, als die Fakultäts-Gutachten
angefordert werden, und werden erst von Löwenthal ins 14. Jh.
versetzt, ebenso wie Christian Albrecht. (203f.) Von 1480 haben
wir einen lateinischen Visitations-Bericht des Kanonikus Johannes
Vogt. Er bringt auch verschiedentlich Nachrichten über die
Juden, die allerdings sehr knapp sind: Der Pfarrer von Sulzbürg,
Magister Jakob Griesser, berichtet, er habe Juden in seiner Pfarrei,
die keine Abzeichen tragen und die allermeist Umgang mit den Christen
haben. Vom Frühmesser in Rocksdorf erzählt der
Nieder-Sulzbürger Kaplan Ulrich MurIl, dass er häufig vom
Wein trunken sei und dabei Geschrei mache gegen die Juden (faciat
clamores contra Judeos). (DAEI B230, 78 u. 79'). - Die
Feststellung, dass Christen und Juden miteinander verkehrten und dass
letztere sich in der Kleidung nicht von den Christen unterschieden,
wiederholt sich in dem Bericht fast überall, wo Juden leben. Es
gibt also in unserer Gegend im späten 15. Jh. keine Gettos.
Hiermit dürfte die Übersetzung aus dem ,,Koeler" nicht
nur richtiggestellt sein, sondern auch klar zeigen, wie die seit
langem verbreitete Mär von den flüchtenden 12 Judenfamilien
entstehen konnte.
Auch Dr. M. Weinberg - also
ein hervorragender Kenner der Materie - schreibt in seinem Buch
,,Geschichte der Juden in der Oberpfalz, IV. Sulzbürg 1927."
folgendes: ,,Die erste faßbare Spur einer Anwesenheit der
Juden in Sulzbürg finden wir in einer Schuldurkunde (charta
obligatoria) aus dem Jahre 1371, deren von Köhler (5. 257) ohne
Angabe irgendwelcher Personalien Erwähnung getan wird." In
der ,,Germania Judaika", Band II, von ZVI AVERNI von 1968 finden
wir diese ominöse Jahreszahl 1371 ebenfalls. Dort heißt es
auf Seite 813 u.a.: ,,1331 gestattete Ludwig der Bayer seinem
Landvogt Heinricht von Dürrwangen, in Sulzbürg oder
Dürrwangen, zehn Juden anzusiedeln und zu besteuern. Ob sich
daraufhin Juden in Sulzbürg niedergelassen haben, ist nicht
bekannt; bezeugt ist jedoch eine Synagoge im Jahre 1371." Averni
bezieht sich hierbai auf Dr. Th. Stark der diese Zahl wiederum
Löwenthals Buch ,,Geschichte des Schultheißenamts und der
Stadt Neumarkt .. .,, entlehnt. Auch Dekan L. Graf übernimmt von
Löwenthal diese Jahreszahl und die 12-Familien-Geschichte in
seinem Buch ,,Helfenberg: Die Burg und Herrschaft .. (S. 110). In
der deutschsprachigen ,,Israelitischen Zeitung" vom 10. November
1932, Jahrgang 49, Nr. 24 veröffentlichte Obermedizinalrat Dr.
Joseph Weigl einen umfangreichen Artikel mit der Überschrift
,,Sulzbürg, die alte jüdische Siedlung". Er vertritt
die Meinung, dass die Ansiedlung jüdischer Familien in Sulzbürg
bis um 1300 zurückgeht. Er benützt die Zahl 1371 nicht.
Dafür erfahren wir von ihm einige andere Jahreszahlen. Er
schreibt u.a.: Die allgemeinen Bestimmungen der Fernhaltung der
Juden von Gewerbe und Landwirtschaft traten auch hier (wie überall)
in Sulzbürg in Kraft; den Juden blieben der kleine Handel und
das Geldgeschäft. Die Behandlung seitens der Landesherrschaft
war wohlwollend. 1705 waren in Sulzbürg 12, 1755 schon 30
jüdische Familien mit 141 Personen ansässig.
Jüdische Gebäude
in Sulzbürg
Die erste Synagoge entstand
um 1706; bis dahin fand der Gottesdienst in einem Raum des oberen
Stockwerkes eines jüdischen Hauses statt.
 Obiges
Foto (Repro) zeigt eines der alten Judenhäuser. Es wurde wegen
Baufälligkeit 1942 abgebrochen. Rechts als Anbau sieht man die
Synagoge, die 1706 an das Gebäude angebaut wurde. In
Wirklichkeit war dieser Anbau nur eine Art Betsaal. Vermutlich
verfügte die Sulzbürger Judengemeinde jedoch schon 1677
über eine Synagoge. Diese Annahme wird durch eine
Rötelskizze gestützt, die der Sulzbürger Maler Karl
Brunner angefertigt hat. Sie zeigt einen ,,ChuppaStein"
(zu deutsch Hochzeitsstein) Ein solcher Stein befindet sich an
jeder Synagoge. Zu ihm gingen Brautpaare am Abend vor ihrer Hochzeit,
um durch Zerschlagen von Steingut- oder Porzellangeschirr an ihm, die
Zerstörung des Tempels von Jerusalem symbolisch nachzuvollziehen
und in Erinnerung zu bringen. Chuppa-Steine zeigen den
sechseckigen Judenstern, um den in bestimmter Anordnung die Worte
,,Kola-Kol-Two-Masal" eingemeißelt sind; zu deutsch:
,,Braut - Freude - Viel - Glück". Unter dem Stern ist
jeweils das Jahr in jüdischer Zeitrechnung zu lesen, in welchem
die entsprechende Synagoge erbaut wurde. Die Brunner'sche Skizze
zeigt (umgerechnet) die Jahreszahl 1677. Leider ist dieser
Hochzeitsstein, der zu Lebzeiten Brunners noch vorhanden war,
verlorengegangen. (Eine Erläuterung der jüdischen
Zeitrechnung folgt später.) Nachdem der 1706 erbaute Betsaal
viel zu klein wurde, baute man 1799 eine neue, große Synagoge.
Ihr äußeres Aussehen hat sich bis heute nicht sehr
geändert. Im Inneren dagegen wurde sie völlig umgebaut.
Dies geschah nicht bei der 1849 durchgeführten Renovierung,
sondern erst, als sie während der Hitlerzeit zu einem Wohn- und
.Geschäftshaus umgestaltet wurde. In der Kristallnacht war sie
1938 verwüstet worden.
 So
hat diese Synagoge früher von Nordosten her ausgesehen. In dem
erkerähnlichen Anbau wurden in einem Schrein die heiligen
Schriften - die Thorarollen - aufbewahrt. ,,lnnen" - so
schreibt uns Herr Pfarrer Leistner - ,,an diesem Erkeraufbau war
eine Art Podium mit Lese- und Predigtpult. Der Männereingang,
wenigstens in meiner Kindheit, war unten im Hof (Süden zur
Gastwirtschaft zu) im Schächtraum. Dieselbe Türe war auch
der Eingang in die Schule; rechts in die Schule und geradeaus in den
Gottesdienstraum. Der Fraueneingang" - so schreibt Pfarrer
Leistner weiter - ,,war oben nördlich (Bem.: Das Gebäude
ist so in den Berg hineingebaut, daß der rückwärtige
Eingang höher lag als der untere) der zugleich der Eingang in
die Lehrerwohnung war; rechts in die Lehrerwohnung und links in die
Empore der Frauen, die vergittert war ..

Die beiden hier gezeigten
Fotos geben einmal den Blick von der Bergseite aus wieder, also die
mit dem Fraueneingang, zum anderen das Gebäude, wie es heute von
Südwesten aussieht. Auf dem ersten Foto sieht man auch das
wunderschöne heute noch original erhaltene Walmdach.

Wenn wir hier von den
Sulzbürger Synagogen sprechen, müssen wir gleichzeitig auch
etwas über die dazugehörigen Ritualbäder sagen. Diese
Bäder mussten Jüdinnen nach jeder monatlichen Regel
aufsuchen, um ein Vollbad zu nehmen, denn nach jüdischer
Auffassung macht dieser körperliche Vorgang die Frauen unrein.
Das älteste in Sulzbürg noch bekannte Ritualbad befand sich
im Erdgeschoss des Hauses Nr. 72. Es ist dies eines der Judenhäuser,
die noch in der Zeit der Wolfsteiner für die jüdische
Gemeinde als eine Art Ghetto gebaut wurden, und die wohl die ältesten
in Bayern noch stehenden Eigentumswohnungen enthalten. Haus Nr. 72
ist auf folgendem Foto das rechte Gebäude (Heute: Hinterer Berg
3).
Wahrscheinlich zusammen mit
der neuen Synagoge wurde auch das neue Ritualbad gebaut. Es stand am
Weg, der von Sulzbürg nach Hofen führt, gegenüber den
Häusern Nr. 97 und 98 (Heute: Schwabengasse 8 und 4). Das
kleine, etwa 7 bis 8 Meter lange Gebäude war in den Hang
beziehungsweise in eine Mauernische gestellt worden. In der
Vorderfront des Bades befand sich außer der Tür nur noch
knapp unter dem Dachvorsprung ein schmales, querliegendes Fenster. Es
spendete im Inneren nur spärliches Licht. Die Breite des
Badehauses - im Volksmund die ,,Judentunke" genannt - dürfte
etwa 3 Meter gemessen haben. Zwei Stufen führten hinter der Tür
zum Bad hinab. Dort gab eine Quelle das notwendige Wasser. Es wurde
zur Vorbereitung und Erhitzung in einen Kessel gepumpt. Wenn wir
vorerst nur die verschiedenen Gebäude der jüdischen
Bevölkerungsgruppe Sulzbürgs beschreiben, dürfen wir
das Wohnhaus Nr. 102 (Heute: Vorderer Berg 6) nicht unerwähnt
lassen. Dieses Haus war früher ein jüdisches Erholungsheim
und gehörte der jüdischen Jugendorganisation ,,ESRA".
Aus Nürnberg und vor allem Fürth kamen damals oft Buben und
Mädchen dieser Organisation nach Sulzbürg. In den Jahren
1927 bis 1930 war auch einige Male für je etwa 14 Tage der
spätere Außenminister der USA, Henry Kissinger, der ein
gebürtiger Fürther ist, in diesem Heim.
1934 wurde dieses Haus zu
einem Müttererholungsheim der NSFrauenschaft
umgewandelt. Da wir keine Memorbücher zur Verfügung
haben, müssen wir uns, um über einzelne Judenfamilien
berichten zu können, nach einer anderen Quelle umsehen.
Der israelitische Friedhof
erscheint uns dafür besonders geeignet. Bevor wir ihn jedoch
beschreiben und auswerten, erst ein paar Zeilen über Sinn und
Geschichte der oben erwähnten Memorbücher.
Es ist allgemein bekannt,
dass der jüdische Bevölkerungsteil Deutschlands - und auch
anderer Länder - schon seit vielen hundert Jahren Verfolgungen
ausgesetzt war und noch ist, und dass in besonders hasserfüllten
Zeiten Angehörige dieses Volkes grausam hingemordet wurden. Im
späteren Mittelalter war dies vor allem in den Jahren 1096 und
1298 der Fall. Während der damaligen Judenmassaker entstand der
israelitisch-religiöse Brauch, der so umgebrachten Opfer am
folgenden Sabbat feierlich zu gedenken und sie zu ehren. Das
,,Memmern", wie man diesen Brauch nennt, wird vor allem kurz vor
dem ,,Schawuotfest", das zeitlich etwa mit dem christlichen
Pfingstfest zusammenfällt, vorgenommen, ebenso am ,,Tischabe
-Aw", (auch Tischohb - aw), einem Festtag, der als höchster
Trauertag im jüdisch-religiösen Jahresablauf gilt und mit
strengem Fasten verbunden ist.
Der Entstehungsort des
Memmer-Ritus ist Mainz. Hier fanden 1096 besonders grausame
Judenpogrome statt. Die hierbei Gemordeten wurden einer Heiligung
unterzogen (Kiddusch) und so nicht nur zu Märtyrern, sondern zu
Heiligen erhoben (K'dauschin). Gleichzeitig wurden sie in ein Buch
eingetragen, dessen Bezeichnung - abgeleitet von dem Wort ,,Memmern"
- zum Memorbuch wurde. Diese Bücher stellten nicht nur für
die Judengemeinden ein geheiligtes Erinnerungsbuch dar, sondern für
die Familienforscher auch ein fundreiches Nachschlagewerk. Die
Sulzbürger Judengemeinde besaß ein solches Memorbuch. Es
wurde 1720 von dem Ortsrabbiner Esra Jeh. Jacob angelegt.
Sein
Deckblatt sah so aus:

Ob es zu anderen Zeiten hier
weitere solcher Bücher gab, ist zwar unbekannt, aber zu
vermuten. Vor allem, da bekannt ist, dass das Jahr 1648 in den Orten
Fürth, Schwabach und Sulzbürg ein regelrechtes Märtyrerjahr
für die Juden war. Das an anderer Stelle genannte, aus
Pergament gefertigte Memorbuch von Sulzbürg, das angeblich von
einem Rabbinatssubstituten namens Esra Löw angelegt wurde,
dürfte mit dem bisher genannten Sulzbürger Memorbuch
identisch sein. Ob das Sulzbürger Memorbuch noch existiert,
und wenn ja, wo, ist vorerst noch unbekannt. Zwar besitzen wir
Unterlagen, nach denen die 1954 in Sulzbürg noch vorhanden
gewesenen Kultgegenstände und -bücher an entsprechender
Stelle in München abgeliefert wurden, aber die
Auslieferungslisten enthalten kein Memorbuch. Damit wollen wir
das Thema ,,Memorbuch" abschließen, obwohl es hierzu noch
vieles zu sagen gäbe. Wenden wir uns nun dem israelitischen
Friedhof von Sulzbürg zu.
Der jüdische
Friedhof in Sulzbürg
Durch das im Jugendstil
gehaltene Tor gehen wir in den Sulzbürger Judenfriedhof.
Finden wir hier auch noch so
manches jahrhundertealte Totenmal, so sind doch die meisten aus alter
Zeit stammenden kaum zu lesen oder zu bestimmen. Ja, man nimmt sogar
an, - und hier zitieren wir Dr. Weinberg, Rabbiner von Sulzbürg
und später von Neumarkt - ,,daß ähnlich anderen
Friedhöfen, um neuen Boden zu gewinnen, auf die Gräber zu
gegebenen Zeiten Erdreich aufgeschüttet wurde. Diese Erwägung
ergibt sich daraus, daß der in den letzten 60 Jahren benötigte
Platz so groß ist, wie der bis dahin mehrere Jahrhunderte
hindurch zu einer Zeit benutzte, da die Gemeinden noch größer
waren." Die älteste noch lesbare Schrift in diesem
Friedhof stammt von 1647. Sie besagt, dass hier die Tochter des
Gemeindevorstehers Meier Sulzberger, eine gewisse Rifka, beigesetzt
wurde. Wir haben versucht, diesen für uns überaus
interessanten Namen genealogisch zu verfolgen. Dies ist bei alten
jüdischen Familien sehr schwer, hatten die Mitglieder derselben
doch früher nur selten Familiennamen, dafür aber meist
mehrere Vornamen. Erst gegen 1800 wurden auch bei ihnen Familiennamen
in größerem Umfang eingeführt. Nichtsdestoweniger
konnten wir gerade bei dieser Familie einiges herausfinden.
Das 1. Foto zeigt den
jüngsten Teil dieses Totenackers, während das andere den
ältesten Teil der Beerdigungsstätte wieder gibt.
Noch einmal wollen wir Dr.
Weinberg zitieren. Über den Judenfriedhof schreibt er:
"Am Fuße des
jetzt völlig verschwundenen Schlosses Untersulzbürg (auch
Nieder-Sulzbürg) errichtet, liegt er zwar mitten im Ort, ist
aber mit derartigem Geschick in seine reizvolle Bauart eingegliedert,
daß er dessen Lageplan nirgends stört."
Und weiter schreibt der
Rabbiner Weinberg: ,,Die Anlage ist ganz absonderlich. Noch heute
markiert sich der älteste Teil auf unebenem Felsenbuckel
gelegen; er war ziemlich eng begrenzt, und man musste mit dem Raum
geizen. Die alten Grabsteine stehen vielfach an Abhängen und in
Mulden; unbequem und fast mühsam ist der Zugang zu einigen." Im
Laufe der Zeit wuchs der Friedhof durch Erweiterungen -; man möchte
sagen ; direkt in den Bergfels hinein." Nicht die alten
Steine auf dem Bergbuckel sind es, die den Betrachter als erstes
anziehen, sondern die letzten Totenmale, welche Jahreszahlen wie
1928, 1929 oder 1932 tragen. Umseitig zeigen wir einige davon. Sie
haben sich dem Trend der damaligen Zeit entsprechend ,,modisch"
geändert. Sie zeigen aber auch ziemlich deutlich, ob der hier
Ruhende arm oder reich war. Sahen sie im 19. Jahrhundert den alten
Grabsteinen noch ziemlich ähnlich, - nur die Technik wurde
verfeinert -

so erhielten sie doch schon
bald schwungvollere Formen, man möchte sagen, eine persönliche
Note.

Etwa um die
Reichsgründungszeit (1871) wurden aus den früher flachen,
ungeschmückten Steinen richtige kleine Kunstwerke. dass solche
Steine, wie wir sie zeigen, nicht billig waren, steht fest.
Eine weitere
Geschmacksveränderung in der Gestaltung jüdischer
Grabsteine erfolgte zwar nach dem Ersten Weltkrieg, nur sind die in
dieser Zeit gefertigten nicht mehr typisch für einen
israelitischen Fried hof. Sie sehen jetzt auf allen Gottesäckern
ziemlich gleich aus.
Von diesem Zeitpunkt an
werden die Beschriftungen auch oft in hebräischen und
lateinischen Buchstaben eingemeißelt; neben Hebräisch und
Jiddisch - in Sulzbürg waren beide Sprachgruppen vertreten -
erscheint immer öfter die deutsche Sprache auf den Totenmalen.
Damit verbunden, wird nun auch meist die christliche Zeitrechnung
verwendet. Nach der jüdischen leben wir jetzt nicht im Jahre
1983, sondern wir würden 5744 schreiben. Die Juden zählen
die Jahre vom ,,Beginn der Welt", und dieser liegt 3761
Jahre vor Christi Geburt.
Die Frau Nanni Burger, auf
deren Grabplatte wir die Jahreszahl 5656 lesen können, starb
demzufolge nach der christlichen Zeitrechnung im Jahre 1896. Sie
stiftete übrigens eine größere Geldsumme, damit in
Sulzbürg ein Krankenhaus eingerichtet werden konnte. Der
Jahresbeginn bei der jüdischen Zeitrechnung ist am 15. September
der christlichen Zeitrechnung.

Eins muss zum Abschluss der
Beschreibung des Sulzbürger israelitischen Friedhofes noch
gesagt werden: Grabsteine, auf denen zwei Hände abgebildet sind,
zeigen, dass hier ein ,,Priester" (Cohen, Kohn) beigesetzt
wurde. Ein Priester ist nicht wie im christlichen Sinne ein
ausgebildeter Geistlicher, sondern ein normales Mitglied der
jüdischen Gemeinde, das seine Funktion erblich von dem ersten
Hohenpriester Aaron herleitet. Er allein ist berechtigt, nach
Waschung der Hände, im Synagogengottesdienst den „Aaronitischen
Segen“ zu sprechen, der übrigens auch vom christlichen
Gottesdienst her bekannt ist: „Der Herr segne euch und behüte
euch. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei
euch gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe
euch Frieden.“
Das nächste Foto zeigt
den jüngsten Grabstein des gesamten Friedhofes. Er stammt, wie
man lesen kann, von 1932. (Es wird behauptet, die hier ruhende Klara
Neustädter sei von Mainz übergeführt worden, so dass,
wenn dies stimmt, eigentlich das Grab des Isak Neustädter (Bild
Seite 18) die letzte Beisetzung im Sulzbürger Judenfriedhof
gewesen ist (1929).

Mit dem letzten Foto wollen
wir nochmals einen Blick über den neueren Teil dieses
Gottesackers tun. Diese Blickrichtung zeigt, dass der Friedhof direkt
über den alten Judenhäusern angelegt wurde. Die im
Hintergrund zu sehenden Dächer gehören zu den alten
Judenhäusern, die wir bereits erwähnt und abgebildet haben.
Es sind dies jene Häuser, in denen sich noch heute die wohl
ältesten Eigentumswohnungen Bayerns befinden. Im linken
abgebildeten Haus war das bisher älteste bekannte Ritualbad.
Sulzbürger
Juden in Amerika
Um 1600 lebte in Sulzbürg
ein Eliezer Sussmann Sulzberger. Er war der Großvater jenes
Rabbiners, der 1720 das Memorbuch anlegte, und der 1762 in Sulzbürg
starb. In dem amerikanischen Namensbuch ,,TheJewish Enceclopedia'
New York. 1906" fanden wir eine Familie Sulzberger. Es steht
dort zu lesen (übersetzt): ,,Amerikanische Familie, welche ihren
Namen von dem Ursprungsort, aus dem ihre Vorfahren stammten,
herleitete; Sulzbürg, nahe Regensburg, im Mittel Bayerns." Hier
fanden wir den Memorbuchgründer wieder. Er wird hier nicht nur
Rabbiner genannt, sondern auch ,,Shetadlan, als welcher er in
Sulzbürg eine wohltätige Vereinigung führte, die noch
heute (1906) existiert." Er schrieb auch eine Sittenlehre, die
als eine Art ,,Testament" in Dinard's Or. Meir, Seite 45
bis 52, abgedruckt worden ist. Als Todesjahr wird auch hier 1762
angegeben. Einige seiner Nachkommen nannten sich später
Bayersdorfer, woraus sich schließen lässt, dass diese von
Sulzbürg nach Bayersdorf zogen. Andere nannten sich Löwenmaier,
ein Name, der in unserer Gegend lange nachzuweisen ist. So sprach
unter anderem auch ein Rabbiner Löwenmayer bei der Beerdigung
des katholischen Pfarrers Prandl in Sulzbürg. Das war 1884.
Ubrigens hatten die Löwenmayer auf ihren Grabsteinen immer zwei
Löwen,

ebenso wie bei Fam. Hirsch
oft zwei Hirsche verwendet wurden.

Verschiedene Nachkommen des
bereits genannten Esra Jeh. Jacob Sulzberger (an anderer Stelle wird
er Esra Judah Jacob genannt) wanderten nach Amerika aus, wo die
Familie zu hohen Ehren kam. So leitete beispielsweise ein Ferdinand
Sulzberger in New York die Firma Schwarzschild & Sulzberger. Er
erbte sie vermutlich von dem schon früher nach USA
ausgewanderten Mayer Sulzberger. Des letzteren Sohn wurde Präsident
des Tempels ,,Beth-el" in New York und Schatzmeister der
l.O.B.B. (?). Einer seiner Söhne wiederum - mit Namen Myron
Sulzberger - (er starb 1881) wanderte 1838 von Sulzbürg nach
Philadelphia aus. Dort wurde er durch ,,seine prägnanten
Arbeiten" für die Gemeinde sehr bekannt und geehrt.
Ein Solomon Lindauer
Sulzberger ging 1877 als Buchhalter nach New York, wo er später
für die dortige Filiale der Firma Blumhard(t) & Co. aus
Erlangen zum Direktor avancierte.
Abraham Sulzberger muss
schon früher von Sulzbürg erst nach Heidelheim und 1848
nach Philadelphia gezogen sein. Er brachte es in seiner neuen Heimat
bis zum Leiter des Jüdischen Krankenhauses in dieser großen
Stadt.
In einem anderen Buch
,,American of Jewish decent. Cincinnati, Hebrew Union Colleg Press,
1960" stoßen wir in einer Ahnentafel wieder auf den schon
früher genannten Eliezer Sussmann Sulzberger von Sulzbürg.
Allem Anschein nach verfolgt
diese Ahnentafel eine andere Linie seiner Nachkommen. Diese müssen
schon vor 1760 nach Schnaittach und dann weiter nach Heidelsheim in
Baden gezogen sein. Schon damals war der an Sulzbürg erinnernde
Familienname erloschen.
Der bekannteste aller
Sulzbürger jedoch war Mayer Sulzberger, dessen Eltern noch in
Sulzbürg lebten, dann aber nach Heidelsheim zogen, wo Mayer am
22. Juni 1843 geboren wurde. Später emigrierte er nach Amerika
zu seinem Onkel Abraham. Nachdem er dort in einer in diesem Buch
leider nicht genannten Stadt Bürgermeister geworden war, berief
ihn der 21. Präsident der Vereinigten Staaten, der
republikanische Chester A. Arthur, zu seinem Berater.
Mayer besaß, wie das
Buch ausdrücklich vermerkt, die seinerzeit größte
amerikanische Privatbibliothek. Er hat in seinem hohen Amt sehr viel
für die jüdischen Krankenhäuser tun können. Über
ihn wäre noch viel zu sagen, aber wir wollen mit ihm die Familie
Sulzberger verlassen und andere Sulzbürger jüdische
Familien besprechen.
Haben wir bisher über
die früheren Judenfamilien gesprochen, so wollen wir nun unser
Augenmerk auf
Die
letzten Juden Sulzbürgs
lenken.
Zu diesem Zweck entnehmen
wir dem Buch ,,Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945,
Geschichte und Zerstörung", welches Baruch Z. Ophir und
Falk Wiesemann im Verlag R. Oldenbourg, München und Wien,
herausbrachten, eine Übersicht, die uns zeigt, wie viele Juden
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Sulzbürg
lebten, nachdem ihre Gemeinde im ersten Drittel des vorigen
Jahrhunderts fast 200 zählte.
|
Jahr
|
Gesamtbevölkerung
|
davon Juden
|
% der Bevölkerung
|
|
1910
|
633
|
76
|
12,0
|
|
1925
|
611
|
42
|
6,9
|
|
1933
|
556
|
16
|
2,7
|
|
1939
|
526
|
11
|
2,1
|
|
1942 Anfang
|
-
|
11
|
-
|
|
1942 Ende
|
-
|
1
|
-
|
Obige Übersicht zeigt,
dass die Juden zum größten Teil Sulzbürg schon lange
vor der sog. ,,Reichskristallnacht" verlassen hatten. Das
große Auswandern von Sulzbürg begann genaugenommen schon
um 1840, als viele Europäer, nicht nur Juden, nach Amerika
auswanderten. Dort nahm die Industrialisierung zu dieser Zeit einen
rasanten Aufschwung, so dass es die damals in der ,,Alten Welt"
gerade recht und schlecht lebenden Menschen über den ,,großen
Teich" zog, denn dort konnte man das ,,große Geld"
machen.
So fand man dann auch immer
häufiger im Neumarkter Tagblatt Bekanntmachungen oder
Nachrichten wie folgende:
Bekanntmachung.
(Gesuch des
Färbermeisters Nathan Neustetter von Sulzbürg, um die
Bewilligung zur Auswanderung nach Nordamerika betr.)
Der Färbermeister
Nathan Neustetter von Sulzbürg gedenkt mit seiner Frau und
seinen drei unmündigen Kindern im Monat März kommenden
Jahres nach Nordamerika auszuwandern. Alle diejenigen, welche was
immer für Forderungen an die Neustetter'sche Familie zu machen
haben, werden hiermit aufgefordert, diese ihre Forderungen binnen 30
Tagen bei Vermeidung der späteren Nichtberücksichtigung bei
diesseitigem Gerichte geltend zu machen.
Neumarkt, den
29. Dezbr. 1845.
Königliches
Landgericht.
v. Ruf.
Bekanntmachung.
Die Schuhmachers-Eheleute
Michael und Anna Rund von Sulzbürg, dann die ledige
Mauthdienerstochter Katharina Landsberger von dort
beabsichtigen nach Nord-Amerika auszuwandern. Etwaige Forderungen
gegen dieselben sind bis zum
18. April 1.
Js.,
Königliches
Landgericht Neumarkt.
v. Ruf.
Bekanntmachung.
Die Oekonoms-Eheleute Johann
und Margaretha Link von Sulzbürg beabsichtigen mit ihren drei
minderjährigen Kindern nach Nordamerika auszuwandern. Etwaige
Forderungen gegen dieselben sind
bis zum 18.
April 1. Js.,
Königliches
Landgericht.
v. Ruf.
Bekanntmachung.
Auf kreditorschaftlichen
Antrag wird im Wege der Hilfsvollstreckung das Immobiliar-Vermögen
des Handeismannes Aron Regensburger von Sulzbürg
öffentlich nach §. 64 des Hypotheken-Gesetzes unter
Berücksichtigung der §§. 98 -; 101 der Prozess-Novelle
vom Jahre 1837 versteigert, und hierzu Kaufstermin auf
Freitag den 26.
August 1853, Mittag 12 Uhr,
im Schmid'schen Gasthause zu
Sulzbürg angesetzt, wozu Kauflustige mit dem Anfügen
eingeladen werden, dass dem Gerichte unbekannte sich über
Leumund und Vermögen auszuweisen haben.
Bekanntmachung
Der im Wochenblatte für
Neumarkt St. 50 des Jahrganges 1852 ausgeschriebene Besitzstand der
Schneiders-Witwe Margaretha Walk von Sulzbürg wird einer zweiten
Versteigerung unterworfen, und ist hierzu Termin auf
Samstag, den
16. April 1853, Nachmittags 3 Uhr
in loco Sulzbürg
anberaumt, wobei bemerkt wird, dass diesmal ohne Rücksicht auf
den Schätzungswerth der Zuschlag erfolgt, und haben sich
gerichtsunbekannte Steigerer über Leumund und Vermögen
auszuweisen.
Neumarkt, den
23. März 1853.
Königl.
Landgericht Neumarkt.
v. Ruf.
Diese Amerikasehnsucht
wirkte sich in Sulzbürg sehr stark aus; bis etwa 1865 zogen
viele Sulzbürger Juden aus ihrer bisherigen Heimat weg. Die
nächste Abwanderung erfolgte etwa zwischen 1890 und 1906. Eine
dritte Wegzugswelle machte sich nach 1925 bemerkbar. Diese beiden
letztgenannten Auswanderungsschübe hatten jedoch nicht Amerika
zum Ziel, sondern führten die Auswanderer in größere
deutsche Städte wie Nürnberg, Regensburg, Bamberg und in
das damals aufstrebende Neumarkt.
Zur Illustration hierzu zwei
weitere Meldungen aus der Zeitung:
,,Da es uns unmöglich
war, bei unserem Wegzug von Sulzbürg nach Neumarkt sich von
jedem zu verabschieden, sagen wir allen unseren Freunden und
Bekannten von Sulzbürg und Umgebung ein »herzliches
Lebewohl ! «
,,Sulzbürg, 24. Aug.
(1905) Herr Metzgermeister Joseph Regensburger dahier wurde
heute anstelle des nach Nürnberg verzogenen Hrn. J. Burger als
Beigeordneter gewählt."
So kam es dann, dass 1933
nur noch 16 Juden in Sulzbürg ansässig waren. Nachdem
früher der Marktflecken Sitz eines Bezirksrabbinats war,
verlegte Dr. Magnus Weinberg dasselbe 1923 nach Neumarkt. Er selbst
war bereits 1911 nach dort umgezogen. Das Neumarkter Rabbinat hieß
trotzdem weiterhin Sulzbürg, wurde aber später in
Sulzbürg-Neumarkt unbenannt und 1931 mit dem Regensburger
Bezirksrabbinat zusammengelegt. Dem vorgenannten Buch entnehmen wir
eine Bemerkung, wonach 1935 fünf Sulzbürger Juden nach
Palästina auswanderten.
In der Synagoge hatte sich
eingebürgert, dass Gemeindemitglieder einen ständigen
Sitzplatz auf Lebenszeit mieten konnten. Diese Gepflogenheit
wurde gemäß einem Protokoll vom 1. 12. 1888 neu fest
gelegt. Der Preis betrug 100,-; M, wurde aber im Laufe der Zeit
öfters verringert, so dass ein Platz 1895 nur noch 20,-; Mark
kostete. Wie ernst diese Platzkäufe in der Synagoge genommen
wurden, zeigt ein Prozess, den die beiden Juden Landecker und
Wilhelmsdörfer Ende des vorigen Jahrhunderts gegen die
Sulzbürger Judengemeinde über den Neumarkter Rechtsanwalt
Hacker führten, nur weil sie keinen Platz in der Synagoge
erhalten hatten. Wie wenig die Juden und ihre Gewohnheiten selbst bei
höheren Dienststellen verstanden wurden, zeigt uns ein Brief,
den das Königliche Landgericht Neumarkt am 20. März 1851 an
die Marktgemeinde Sulzbürg schrieb. Er lautete:
,,Nach Angabe des Glasers
Veit von Sulzbürg besitzt Sußmann Löwensteiner einen
eigenthümlichen (eigenen) Stuhl in der Synagoge in Sulzbürg.
Die Gemeindeverwaltung wird beauftragt, hierher binnen 3 Tagen
anzuzeigen, ob Löwensteiner einen solchen Stuhl oder sonst
Immobilien besitzt."
Hier noch ein
Zitat aus dem Ophir'schen Buch:
,,In der
Sulzbürger jüdischen Gemeinde bestand (neben anderen,
kleineren caritativen Einrichtungen) . . . der
Wohltätigkeitsverein ,,Chewrat Gemilut Chasadim" (von
1812), und von 1923 bis 1937 ein Landheim des orthodoxen Jugendbundes
,, ESRA"
Zur Zeit des Pogroms vom
November 1938 lebten noch 11 Juden in Sulzbürg. Am 10. 11. 38
wurden in der Synagoge das gesamte Inventar und die Ritualien
vernichtet. Etwa 12 Thorarollen wurden mit Beilen zerschlagen, das
Synagogengebäude beschädigt. Die festgenommenen Juden, nur
alte Männer, schickte die Polizei nach kurzer Zeit wieder nach
Hause. Ein Gemeindemitglied, dem man sogar drohte, es mit einem
Thorawimpel um den Hals in der Synagoge aufzuhängen, wurde
brutal verprügelt, verhaftet und in das Konzentrationslager
Dachau gebracht.
1939 wanderte ein Jude aus
Sulzbürg in die USA aus. Von den Ubriggebliebenen wurden sechs
am 2.4.1939 über Regensburg nach Piasky bei Lublin und drei am
23. 9. in das Ghetto Theresienstadt geschickt. Über das
Schicksal des letzten noch in Sulzbürg verbliebenen Juden ist
nichts bekannt, außer, dass er noch am 1. 11. 1942 in
,,Mischehe" lebte."
In einer Sendung des
Bayerischen Rundfunks vom 21. 6. 1970 (den Text dazu schrieb Frau
Magda Schleip von Neumarkt) wird u. a. auch eine Frau Sophie
Landecker, in Rishon le Zion bei Tel Aviv wohnhaft, genannt, die mit
ihrer Mutter Hedwig und ihrem Bruder Jochen von Neumarkt nach dort
ausgewandert war. Diese Familie stammte ursprünglich aus
Sulzbürg.
Den zwei letztgenannten
Zeitungsmeldungen auf Seite 26 können wir zweierlei entnehmen:
Zum einen war der genannte Regensburger ein Metzger, und zum anderen
wurde er zum Beigeordneten (Gemeinderatsmitglied) gewählt. Aus
anderen uns zur Verfügung stehenden Unterlagen wissen wir, dass
er, sowie auch sein Vorgänger Burger, dar überhinaus
Distriktsabgeordneter war. Die Juden hatten sich also von
,,Schutzjuden" in die deutsche Gemeinschaft integriert und waren
Deutsche geworden, mit allen Rechten und Pflichten.
,,Schutzjuden" waren
früher aus dem Ausland eingewanderte Juden, die nur als
Ausländer galten, und dafür, dass sie bei ihrem neuen Herrn
Schutz fanden, ein Schutzgeld (in Bayern von 100 FI. *) zahlen
mussten. 1750 wurde dieser Betrag auf 150 FI.* und sechs Jahre später
bei der Einführung des sog. ,,Regulativums" auf 200 FI.*
erhöht. Hierzu schreibt Dr. Magnus Weinberg folgendes:
,,Die
Familienzahl betrug 1740 beim Übergang (des Lan dls) an Bayern
19 und war bereits 1755 auf 30 angewachsen, trotz der
Schwierigkeiten, die man jeder Bildung einer neuen Familie durch
Heirat entgegensetzte.
Die Vermehrung wurde
durch Exulanten aus Hilpoltstein herbeigeführt. Im Jahre 1741
waren die Juden aus dem Herzogtum Neuburg, (zu dem Hilpoltstein
gehörte), ausgetrieben worden; einige Familien aus Hilpoltstein
hatten mit Erfolg um Aufnahme in Sulzbürg nach gesucht. Endlich
wurde durch das... Regulativum vom 4. 9. 1756 der Rechtsunsicherheit
der Judengemeinden ein Ende gemacht.. . . Die Höchstzahl
der Judenfamilien (numerus) wurde auf 30 festgesetzt. In
Wolfstein'scher Zeit hatte eine solche Begrenzung nicht bestanden."
* (Fl. =
Gulden - ; abgeleitet von Florentiner Gulden)
Integration
der Sulzbürger Juden
Diese Begrenzung wurde in
Sulzbürg nie recht eingehalten, so dass die Judengemeinde
weiterhin anwuchs und, wie schon gesagt, in der Mitte des vorigen
Jahrhunderts ein Drittel der Gesamtbevölkerung dieses Ortes
ausmachte. Man vergab den Status der Schutzjudenschaft in vielen
Fällen uneingeschränkt, das heißt, es durften neue
Familien gegründet werden, ohne dass ein sterbender Schutzjude
seine Nummer - daher numerus - für einen jüngeren Juden,
der heiraten wollte, freigab. Ein solcher heiratender Jude, der über
die Familienzahl 30 hinauskam, hatte lediglich mehr Schutzgeld zu
zahlen. Hätte man das Regulativum seinerzeit strikt eingehalten,
so hätte beispielsweise kein Jude eine einheimische Jüdin
heiraten dürfen, sondern nur eine ,,Ausländerin". Jede
Heirat musste damals beantragt und genehmigt werden, und das von Amts
wegen. Wir besitzen im Museum eine ganze Anzahl solcher Anträge. Doch
zurück zu der angeführten Zeitungsnotiz. Sie zeigt, dass
sich die Juden damals in das deutsche Volk integriert hatten. Sie
konnten wählen und gewählt werden, und sie mussten, wenn
tauglich, auch zum Militär. In der Zeit des 1. Weltkrieges
vertrat ein Jude namens Seligmann Haas, den eingerückten
Bürgermeister. Es war in Sulzbürg mit der Zeit üblich
geworden, dass das stellvertretende Gemeindeoberhaupt immer ein Jude
war. Die Juden standen ihren Mann, auch im Krieg als Soldat, trotz
manch spöttischer Witze. Im Wochenblatt vom 13. 11. 1915
konnte man lesen, dass der Sulzbürger Vizewachtmeister Joseph
Regensburger, ,,der seit Beginn dieses Jahres in einem preußischen
Feldartillerie-Regiment auf dem östlichen Kriegsschauplatz
steht, wegen hervorragender Tapferkeit vor dem Feinde und großer
Umsicht im Gefecht zum Leutnant befördert wurde." 1 Jahr
später wird unter dem 13. Juli berichtet, dass Albert Haas von
Sulzbürg, Unteroffizier beim 1. Chevauxleger-Regiment, für
tapferes Verhalten an der Ostfront das Eiserne Kreuz 1. Klasse
verliehen bekam. Im ersten Weltkrieg fielen 11 jüdische
Mitbürger Sulzbürgs bei verschiedenen Einheiten an der
Front. In der Heimat erhielt am 7. 7. 1917 der obengenannte Seligmann
Haas den König-Ludwig-Orden für hervorragende
Verdienste. Diese Liste könnte so weiter fortgesetzt werden,
aber wir wollen hier keine Eloge für die Sulzbürger Juden
anstimmen, gab es unter ihnen doch ebenso Pechvögel und
,,schwarze Schafe", wie in der menschlichen Gesellschaft
überall. So veröffentlichte z.B. der Jude Süßla
Bernhard Neustädter 1880 folgendes Inserat in einer Zeitung:
Bezugnehmend auf meine vor
circa fünf Jahren gemachte Ausschreibung meines Sohnes Nathan
Neustädler mache ich wiederholt bekannt, dass wer an denselben
Geld oder Waaren verabfolgt, von mir weder Haftung noch Zahlung zu
erwarten hat. Zugleich mache jene, welche an mich Zahlungen zu
leisten haben aufmerksam, dass solche an Obigen unter keinem Vorwande
gemacht werden dürfen, widrigenfalls sich Jedermann den Schaden
selbst zuzuschreiben hätte.
Ein andermal - im Jahre 1854
- lädt das Königliche Landgericht Neumarkt die Sulzbürger
Juden Süßmann Löwensteiner und Isaak Landecker
polizeilich wegen verbotenen Handelns vor, und ein Jahr zuvor wird
Levi Kusel wegen des gleichen Delikts vor das gleiche Gericht
zitiert. Mit Schreiben vom 3. 1. 1857 wird die Marktgemeinde
aufgefordert, über Löw Löwensteiner einen
Leumundsbericht einzureichen, da er wegen Unterschlagung angezeigt
worden ist. Er saß nach dem Prozess bis zum 15. 11. 1858 im
Gefängnis. Die Entlassung wird der Gemeinde Sulzbürg
ebenfalls schriftlich mitgeteilt.
Judengegner, die es zu allen
Zeiten gab, nahmen solche Vorkommnisse verallgemeinernd zum Anlass,
gegen die Juden zu hetzen. Es mögen Neider, Konkurrenten oder
Christen gewesen sein, die ein Jude vor längerer Zeit um Haus
und Hof gebracht hatte. Zum letzteren muss gesagt werden, dass die
jüdischen Handelsleute auch gegen ihre eigenen Brüder in
Bezug auf Schulden keine Nachsicht kannten. Das beweist u.a. eine
Bekanntmachung von 1861, die mit den Worten beginnt: ,,Samuel Löw
von Sulzbürg gegen Abraham Löw von dort, wegen
Hypothekenforderung betreffend.." Sicherlich waren mitunter
auch die strengen Riten, die die Juden in ihrer Glaubenslehre zu
beachten hatten (und auch beachteten), ein Grund für manchen
Dorn im Auge der Christen. Schon 1845 sah sich der Rabbinatsadjunkt
Dr. M. Löwenmayer von Sulzbürg gezwungen, einen längeren
Artikel zu veröffentlichen, der die Überschrift trug:
,,Beleuchtung der Sage, daß
die Juden zu ihren religiösen Gebräuchen Christenblut
gebrauchen, und der darauf basierten angeblichen Mißhandlung
eines christlichen Mädchens durch einen Juden in Thalmessingen."
Hierzu ein Witz mit
Erläuterung aus dem Buch ,,Der jüdische Witz" von
Salcia Landmann.
Er und seine Erklärung
lauten: ,,Nach einem alten christlichen Volksglauben benützen
die Juden zur Bereitung ihrer Pessach-Brote, der Mazzen, das Blut von
christlichen Kindern. Pogrome begannen in früherer Zeit oft
damit, dass die Pogromisten die Leiche eines geschlachteten Kindes
zur Zeit des Pessach-Festes in ein jüdisches Haus schmuggelten."
Nun der hintergründige
,,Witz": In einem ungarischen Städtchen geht das
Gerücht um, man habe ein ermordetes Kind gefunden. Die
entsetzten Juden beginnen, sich zur Flucht zu rüsten. Da kommt
der Schammes (Synagogendiener) und schreit aufgeregt vor Freude:
,,Juden! Gute Nachricht! Das gemordete Kind is a Jüdin!"
Die
Berufe der Sulzbürger Juden
Manchmal waren auch die
Amtsstellen schuld an Hassgefühlen seitens der Juden. Hierzu ein
Zitat aus dem Neumarkter Buch von Dr. Ried:
,,Auf die Klage der
(Neumarkter) Kaufleute wurde der Rat von der Regierung zum
Einschreiten angewiesen. Auch gegen die Juden von Sulzbürg und
ihrem Hausierhandel wurde die Verordnung vom 12. Dez. 1796 und die
von 1787 (verbotenes Hausieren außerhalb bestimmter Gegenden)
wieder in Kraft gesetzt. Es soll ihnen aber nicht verwehrt sein, in
einem bestimmten Hause der Stadt ihre Waren feilzuhalten . . .
Diese Einschränkung hatte noch im 19. Jahrhundert Gültigkeit.
Am 26. Januar 1839 verordnete die Regierung der Oberpfalz, daß
die Hausiernot und der Schacherhandel der Juden nunmehr für den
Bereich des Regierungsbezirks erlaubt werden dürfe. Die erteilte
Erlaubnis müsse aber alle Jahre erneuert werden und sei
unübertragbar. Bezüglich des Viehhandels wurde das Schmusen
durch Juden und ihre Knechte verboten." (Schmusen jüdischer
Handel)
Im Anschluss hieran ist es
wohl angebracht, die Frage zu erörtern, welche Berufe die Juden
ausüben durften und auch ausübten. Im Mittelalter und auch
noch in den folgenden Jahrhunderten waren Juden ganz allgemein die
handwerklichen und bäuerlichen Berufsstände nicht
zugänglich, nicht erlaubt. Dennoch konnten die vielen kleinen
Herzog- und Fürstentümer die Juden sehr gut gebrauchen. Die
Herren überließen ihnen nämlich die Vermittlung und
Beschaffung von Geld, sowie die ,,Besorgungen über die Grenzen
hinweg". So kam es denn mit der Zeit dahin, dass die Juden das
Handeln und Vermitteln so gut konnten, wie kein anderer sonst. Damit
machten sie sich unentbehrlich, und es kam soweit, dass selbst Könige
solche Handelsjuden an ihre Höfe beriefen. Es entstanden die
Hofjuden.
Auch in Sulzbürg waren
die Juden fast ausschließlich Handelsleute. In den Jahren 1889
bis 1892 waren von insgesamt 34 im Ort ansässigen Händlern
30 Juden. Da die meisten von ihnen mit nur einer Handels ware nicht
leben konnten, gaben sie um mehrere Konzessionen ein. Die Aufstellung
aus den genannten Jahren zeigt, mit welchen Waren die einzelnen Juden
handeln durften und handelten:
Rudolf Weil: Eisen, Zigarren
Christoph Roth :Schnittwaren, auch Expeditor Moritz
Regensburger Vieh, Güter, Hopfen Joseph Regensburger: Mehl,
Eisen, Güter, Vieh, Geschmeide, auch Metzger Johann
Bamberger: Steingut, Glas, auch Anstreicher Moses Regensburger:
Mehl, Vieh
lsaak Burger: Güter
Aschur Bechhöfer: Spezereien David Löw:
Schnittwaren Arno Wolf Spezereien Moritz Wertheimer: Kurz-, Weiß-
u. Wollwaren Emanuel Regensburger: Vieh Rosa Löw: Güter
Georg Hauenstein: Weiß- und Rauchwaren Leonhard
Feuchtwanger: Güter Georg Hauenstein II.: Vieh und Metzger
lsaak Grünebaum: Mehl, Vieh, auch Bäcker und
Metzger Heinrich Neustädter: Vieh Johann Burger: Güter,
Vieh Seligmann Haas: Schnittwaren, Güter, Hopfen, Wollwaren
Oben die
,,conzessionsverleihung für Tuchhandel" an den Juden Samuel
Löw von Sulzbürg. Unten die letzte Seite eines
Handelsvertrages zwischen ,,Gastwirth J. Regensburger, Sulzbürg,
und Barbara Bleisteiner v. Häuselstein, Gericht Kastl".
|
Philipp Neuhaus:
Vieh Heinr. Feuchtwanger: Vieh, Wolle, Hopfen, Rauchwaren Simon
Metzger: Vieh Max Landecker: Hopfen, Rauchwaren Joseph
Bamberger: Vieh Ludwig Landecker: Vieh Louis Rosenwald:
Agent Hannsi Burger: Metzger Isaak Grünewald: Mehl,
Vieh, auch Bäcker
Hinzu kommen die ritualen
Berufe:
|
|
Dr. Löwenmayer:
Rabbiner Moritz Wertheimer: Cultusdiener, auch Händler Berta
Löwenmayer: Haushälterin Jacob Oppenheimer: Lehrer
(Religion)
|
Viermal finden wir in dieser
Aufstellung den Beruf des Metzgers und einmal den des Bäckers.
Hierbei handelte es sich um Schächtmetzger, und der Bäcker
war sicherlich ein Hersteller von Mazzen (ungesäuertes Brot),
welches die Juden zum Pessach-Fest (bei Luther Passah-Fest)
benötigen. Eine Schächtmetzgerei befand sich wie bereits
früher erwähnt, im Westanbau der Synagoge, eine zweite im
heutigen Café Engelhard. Herr Engelhard erzählte uns,
dass er noch gesehen habe, wie beim Schlachten das Blut zur Tür
hinaus zur ,,Misten" und von da über die Straße den
Hang hinuntergelaufen ist. Der kleine Anbau, von dem wir anschließend
ein Foto bringen, war der Laden, in dem das koschere (reine) Fleisch
verkauft wurde. Zwischen beiden Räumen war die Engelhard'sche
Schmiede, deren großer Blasebalg in unserem Museum ausgestellt
ist.

Wenn Christoph Roth in der
Händleraufstellung auch Expeditor genannt wird, so beweist uns
das, dass seines Großvaters - des Konrad Roth - Gesuch um die
Einrichtung einer Karriolpost von Sulzbürg nach Freystadt und
zurück, welches er am 4. 3. 1852 einreichte, damals genehmigt
wurde, und dass sein Enkel diese Genehmigung auf sich übertragen
ließ. Als Begründung hatte der Säckler Konrad Roth
seinerzeit die Errichtung einer solchen Karriolfahrt am 1. 3. 1852
von Freystadt nach Roth angegeben. Er wollte mit der Sulzbürger
Karriolfahrt einen Anschluss an die Freystädter schaffen. ,,Ganz
schön clever!" würde man heute sagen!
Eine
Karriolfahrt war in der vorpostalischen Zeit eine privat
eingerichtete Fahrt zur Beförderung von Briefen, Paketen und
auch Personen zu bestimmten Zeiten und bestimmten Preisen auf
bestimmten Strecken.
Nachtrag:
In Sulzbürg lebten Ende
des vorigen Jahrhunderts noch zwei verschiedene jüdische
Sprachgruppen, die sich nach Überlieferung alter Sulzbürger
Einwohner, nicht sehr gut vertrugen. Die Mitglieder der einen Gruppe
konnten zwar fließend deutsch, sprachen aber untereinander oft
auch hebräisch. Die anderen Juden bedienten sich neben der
deutschen Sprache des Jiddischen. Hierzu ist folgendes zu sagen:
Die Juden stammten ursprünglich aus Judäa. Von dort wurden
sie über die ganze Welt verstreut. So bildeten sie gewissermaßen
den Rest des ehemaligen Volkes Israel. Im heutigen Land gleichen
Namens, unternehmen sie den Versuch, wieder ein geeintes israelisches
Volk zu werden. Die Juden sind keine biologische, sondern eine
sozial-religiöse Einheit. Demnach ist es zum Beispiel falsch,
von einer semitischen oder hamitischen Rasse zu sprechen, denn die
Semiten und so weiter, sind sprachwissenschaftliche Gruppen. Etwa
um 900 unserer Zeitrechnung kamen die ersten Juden nach Mitteleuropa,
also in die Gegend, wo das heutige Deutschland liegt. Seinerzeit hat
sich die Sprache der Juden teilweise mit dem damaligen Deutsch
vermischt. Nach den spätmittelalterlichen Pogromen zogen die
Juden von Mitteleuropa nach Osteuropa ab. Dort nahm ihre Sprache
neuerlich fremde Sprachelemente auf, und zwar slawische. Dieses
damit entstandene Sprachenkonglomerat nennt man Jiddisch. Als die
nach Osten abgewanderten Juden später wieder nach Mitteleuropa
zurück kamen, behielten sie die jiddische Sprache bei. Sie war,
wenn man so sagen will, auf dem Stand des Mittelalters stehen
geblieben, während die deutsche Sprache in der Zwischenzeit eine
Weiterentwicklung durchgemacht hatte. Sie integrierte aus dem
Jiddischen das eine oder andere Wort. Schmiere(stehen), (ver)masseln,
Knast, Pleite, Tratsch oder Verriss sind in die deutsche Sprache
übernommene Worte aus dem Jiddischen. Manchmal sind solche
Begriffe sogar über die Brücke einer anderen europäischen
Sprache ins Deutsche gelangt. .... und Sulzbürg beherbergte
vor etwa 100 Jahren beide jüdische Sprachgruppen. Beweis:
Handschriftliche, in hebräischen Buchstaben verfasste Briefe, in
hebräischer sowie auch in jiddischer Sprache.
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